Der folgende Text basiert auf dem Werk:

König, Werner / Schrambke, Renate (1999): Die Sprachatlanten des schwäbisch-alemannischen Raumes: Baden-Württemberg, Bayerisch-Schwaben, Elsaß, Liechten­stein, Schweiz, Vorarlberg. Bühl: Konkordia-Verlag (Themen der Landes­kunde 8).

Wir danken den Autoren für die freundliche Bereitstellung.

 

Hermann Fischers Geographie der Schwäbischen Mundart

Über die Entstehungsgeschichte und Methodik dieses Atlasses (Fischer 1895 a) ist im Vergleich zu der des DSA und des DWA nichts geschrieben worden. Trotz­dem gehört dieser Atlas zu den bedeutendsten sprachkartographischen Wer­ken des deutschen Sprachraums. Vielleicht hat es am Titel gelegen, der eine gebührende Rezeption verhindert hat: Nicht „Sprachatlas des Deutschen Südwe­stens“, wie er auch hätte genannt werden können, sondern „Geographie der Schwäbischen Mundart. Mit einem Atlas von 28 Karten“ heißt das Werk. Der Atlas wird damit zu einem Anhängsel einer dialektgeographischen Darstellung; und: 28 Karten scheinen ja auch nicht so viel zu sein (so versteht es wohl Goossens 1977, S. 128), obwohl darin mit mehr als 200 Phänomenen die im Vergleich zum DSA ca. 2 ½-fache Anzahl von sprachlichen Erscheinungen beschrieben wurden.

Dieser Atlas gehörte für Fischer quasi zu den Vorarbeiten für sein „Schwäbi­sches Wörterbuch“ (1904–1936). „Es schien mir wünschenswert, dem Schwäbi­schen Wörterbuch eine geographisch-grammatische Arbeit vorauszuschicken, um zuvor schon über die gesetzlichen Variationen in der Lautform der einzelnen Wörter zu orien­tieren“ (Fischer 1895 a, III). Ein sehr praktisches Verfahren, denn es entlastet dieses Wörterbuch von Angaben zur geographischen Vertei­lung häufiger vorkommender sprachlicher Erscheinungen, die im Text nur sehr schwierig und unanschaulich darzustellen sind. Auch für den Benutzer ist eine in Worten beschriebene Landkarte kaum brauchbar. Fischer kann sich in seinem Wörterbuch damit ganz der Darstellung lexikalischer Probleme widmen und für Lautprobleme (wo heißt es graoß und wo groaß für ‘groß’?) auf seinen Atlas verweisen.

Es geht Fischer aber nicht nur um sein Wörterbuch, sondern wie Wenker in Marburg auch um die großen theoretischen sprachwissenschaftlichen Fragen seiner Zeit: z. B. um das Problem der Gliederung der Mundarten, um die Be­zeichnungen für die Mundarträume und damit auch um die Frage des Verhält­nisses der Siedlungsräume der alten germanischen Stämme zu den heutigen Dia­lektgrenzen, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein diskutiert wurde (vgl. z. B. Moser 1952, 1961), oder um das Problem der Naturgesetzlichkeit von Lautveränderung, das von der damals herrschen­den junggrammatischen Schule lautstark verkündet wurde (vgl. Fischer 1895 b).

Mehr als 10 Jahre arbeitet Fischer an seinem Atlas. Er stellt für die da­malige Zeit eine großartige wissenschaftliche Leistung dar, vor allem auch, weil er so schnell erschienen ist (vom Deutschen Sprachatlas, der in Marburg seit ca. 1880 in Arbeit war, erschien die erste gedruckte Karte erst 1927!).

Fischer ist sich bewußt, daß es besser gewesen wäre, „selbst ein abgesteck­tes Gebiet zu durchwandern, um alles mit eigenen Ohren zu hören“ (Fischer 1895 a, III), doch das muß er sich aus Gründen der Machbarkeit untersagen. Der germanistisch-dialektologischen Forschungssituation jener Zeit entsprechend be­ruht die „Geographie der Schwäbischen Mundart“ deshalb auf indirekter Erhe­bung; das heißt, Fischer versandte im Jahr 1886 ca. 3 000 Briefe mit nicht ganz 200 Fragen (vgl. Abb. 11 auf S. 32) an ca. 3 000 Pfarrämter des damaligen Würt­temberg, Hohenzollern, des schwäbischen Bayern, des bodensee-alemannischen Baden sowie der nördlichen Schweiz und des angrenzenden Vorarlberg (Fischer 1895 a, IV, V). Ungefähr die Hälfte der Fragebogen kam wieder zurück. Diejeni­gen, die brauchbar waren, sind als Ortspunkt im Atlas vertreten. H. Fischer traf also eine Auswahl. Wir wüßten heute gerne mehr über die Kriterien dieser Auswahl, doch läßt sich denken, daß die Sorgfalt, Zuverlässigkeit und das Ge­schick der Beantworter große Unterschiede zeigten. Es waren auf jeden Fall „etwas mehr“ als acht, verrät uns Fischer, G. Wenker zitierend, der bei seinem Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland von 30 000 Übersetzun­gen nur acht beseitigte (Fischer 1895 a, V; Fischer spricht irrtümlich nur von 3 000 Übersetzungen).

Mit dieser kritischen Sichtung befreite Fischer seinen Atlas von Erscheinun­gen, die irgendwie fraglich waren und als Ballast das Kartenbild gestört hätten. Er hielt damit die Menge der Sonderformen, der vermeintlichen Ausnahmen, der hoch- und schreibsprachenahen Formen, Formen von Halbmundart, die bei solcher schrift­licher Befragung relativ häufig vorkommen, fern. Fischer konnte das im Gegensatz zu Wenker machen, weil sein Untersuchungsgebiet für ihn noch relativ überschaubar war und weil er bei jedem Fragebogen in etwa beur­teilen konnte, wie sachkundig der Bearbeiter, der ja nicht unbedingt aus dem Ort stammen mußte, für den er den Bogen ausfüllte, gearbeitet hatte.

Fischer schied nicht nur unbrauchbare Formen aus, sondern er interpretierte auch die ihm gebotenen Schreibformen. Sein Ziel war der Dialekt; Schreibfor­men, die von „höheren“ Sprachstufen beeinflußt waren, schied er aus. Die Ge­sichtspunkte, die er bei der Interpretation der Schreibformen in den Fragebogen berücksichtigte, beschreibt er im Vorwort (S. VI):

  1. Die nhd. Rechtschreibung, die sich einmischt;
  2. ob sich eine Schreibform am Rand oder in der Mitte eines Verbreitungsge­bietes befindet (am Rand mehr Bewußtsein der spezifischen Unterschiede);
  3. „der gesamte Lautbesitz einer Localmundart“. Die Beispiele, die er bringt, zeigen, daß Fischer schon — wie man heute sagen würde — „strukturell“ denkt;

und auch der Umfang der sprachlichen Kenntnisse, die ein Bearbeiter be­sitzt. (Er bringt hier ein Beispiel für die Kenntnis des Französischen im Elsaß, das im Atlas nicht berücksichtigt ist, die aber spezielle Schreibfor­men nach sich zieht.)

 

 

Abb. 11:

Der Fragebogen aus Fischers Geographie der Schwäbischen Mundart (Fischer 1895a, S. IV f); verkleinerte Wiedergabe.

 

Diese relativ tiefgehende kenntnisreiche Vorinterpretation machte die Kartierungsarbeit einfacher als beim Marburger DSA. Es entstand schon von vorn­herein ein publizierbarer Atlas in vereinfachter Form; anders als in Marburg, wo die an der Überfülle des Materials erstickenden Einzelkarten für den Druck vereinfacht neu gezeichnet wurden. In Marburg stand der Atlas im Zentrum, für Fischer hatte er dem Wörterbuch zu dienen. In Marburg waren nur die Fragebogen mit den Wenker-Sätzen vorhanden. Fischer aber hatte neben dem Zettelarchiv des Wörterbuchs noch die sogenannten Konferenzaufsätze von sei­nem Lehrer Adalbert von Keller geerbt. Beide konnten helfen, die Qualität der Fragebogen zu beurteilen; das Material der Konferenzaufsätze ging in den Atlas ein: Die württembergischen Schulbehörden stellten damals den Lehrern jährlich eine (Prüfungs-)Aufgabe, die sie schriftlich zu bearbeiten hatten. Sie wurde zentral gestellt. 400 solcher Aufsätze über den Dialekt lagen Fischer aus 320 württembergischen Orten vor. Keller hatte sie 1860 angeregt, Fischer verwendete ihr Material für den Atlas (und später natürlich auch für sein Wörterbuch).

Die auf Abb. 12 auf S. 34 abgedruckte Karte zeigt — wenn man sie mit der des DSA (Abb. 5 auf S. 20) vergleicht —, wie viel mehr Fischers Methode leistet. Neben der Grenze der Diphthongierung Blei / Blii, Eisen / Isen finden wir auch die Grenze von schwäbisch əi / ei gegenüber ae (im Bairischen und Fränkischen), aber auch von Zitt gegenüber Ziit für ‘Zeit’, ein Gegensatz von Länge und Kürze des Vokales, der mit der Methode des DSA kaum zu eruieren gewesen wäre.

Insgesamt sind im Atlas ca. 1 500 Ortspunkte vorhanden. Der Atlas um­faßt das schwäbische Kerngebiet, geht aber an seinen Rändern großzügig ins Fränkische, Alemannische und Bairische hinein. An den Grenzen des Gebietes wird das Ortsnetz sehr locker. Aber auch im Bereich des Schwäbischen ist z. B. Bayerisch-Schwaben nur mit einem sehr wenig dichten Ortsnetz vertreten. Wor­an das gelegen hat, darüber äußert sich Fischer nicht. Es verwundert, wenn man feststellen muß, daß im Planquadrat östlich von Ulm nur zwei Orte vorhan­den sind, im unmittelbar angrenzenden westlich davon (also in Württemberg) aber fünfundzwanzig.

Die achtundzwanzig Karten behandeln mehr als 200 sprachliche Phänomene. Der größte Teil davon sind Lautprobleme (Karten 1–20). Die Karten 21–23 be­handeln Phänomene, die man zur Morphologie zählen kann, die Karten 24 und 25 behandeln „Lexikalisches“, Karte 26 stellt unter dem Titel „Fremde Theori­en“ bisherige Einteilungsversuche der Mundarten des Südwestens dar, und auf den Karten 27 und 28 werden politische Grenzen geboten, mittelalterliche und neuere, sowie die Konfessionsverhältnisse der im Atlas erfaßten Orte.

 

 

Abb. 12:

Karte 12 aus Fischers Geographie der Schwäbischen Mundart. Die Größe der Originalkarte ohne Legende beträgt 29 x 29 cm; die Wiedergabe ist auf ca. 15% verkleinert.

 

 

Abb. 13:

Legende zu Karte 12 aus Fischers Geographie der Schwäbischen Mundart; verkleinerte Wiedergabe.

 

Der Atlas ist nicht ganz leicht zu benutzen. Obwohl Fischer zu jeder Karte des Atlasbandes einen ausführlichen Kommentar gibt, ist es doch notwendig, sich die einzelnen Phänomene auf Pauspapier zu separieren. Zu groß ist die Menge der farbigen Linien, die auf einer Karte untergebracht sind. Das Auge vermag sich häufig kein Bild mehr von der Verbreitung einzelner Phänomene zu ma­chen. Auf der Karte 12 (vgl. Abb. 12 auf S. 34) sind es z. B. 30 verschiedene Erscheinungen, die auseinander­zuhalten sind. Farbige Linien mit einem jeweils verschieden gestalteten schwarzen Strich machen die Zuordnung eindeutig. Das mitabgedruckte Ortsnetz läßt jeweils erkennen, wie genau eine Linie das dar­gestellte Problem begrenzen kann. Damit verbindet Fischer die Vorteile der Isoglossendarstellung (= klar abgegrenzte Gebiete) mit denen der Symboldar­stellung. Wo das Ortsnetz wenig dicht ist, wird dem Betrachter sofort klar, daß die Sprachgrenzlinie nichts aussagt über das Sprachverhalten der zwischen den vorhandenen Ortspunkten liegenden Gemeinden. Mit anderen Worten: Würde das Ortsnetz fehlen, dann hätte man keinen Anhaltspunkt über die Verläßlich­keit einer Linie in einer bestimmten Gegend.

Benutzerfreundlicher wäre es gewesen, weniger Sprachgrenzen auf einem Blatt darzustellen. Ein Atlas mit 100 oder 150 Karten wäre zwar teurer ge­worden, er hätte wohl aber auch eine seinem Rang gebührende Wirkung erzielen können, denn auch heute noch lassen sich die farbigen Karten Fischers nur unter großem Aufwand reproduzieren. Fischers Atlas hat in der germanisti­schen Fachwelt weniger Aufsehen erregt, als er verdient hätte. Auch heute noch werden in dialektologischen Einführungen und Handbüchern die ersten Versuche Wenkers im Rheinland breit dargestellt, Fischers Geographie aber nur kurz erwähnt.

Anmerkung:

Vgl. z. B. das Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung (Dialekto­logie 1982, Bd. 1), wo Wenker und der DSA von S. 38 bis S. 71 mit fünf aufwendig reproduzierten mehrfarbigen Faltkarten abgehandelt werden, Fischers Atlas aber oh­ne Kartenbeispiel auf ca. einer Seite beschrieben wird. Die verschiedene Behandlung kann aber auch verursacht sein von der immer wieder zu beobachtenden Tatsache, daß die Bedeutung einer Arbeit daran gemessen wird, wie bedeutend und wichtig der be­schriebene Gegenstand jeweils erscheint. Ein Atlas, der in relativ unzulänglicher Weise (methodisch und vom Umfang her) das gesamte deutsche Sprachgebiet beschreibt, fin­det mehr Aufmerksamkeit als einer, der zwar besser und umfassender nur das schwäbi­sche Teilgebiet behandelt. Mit dieser Anmerkung soll nicht die Leistung Wenkers geschmälert werden, sondern sie soll helfen, die Leistung Fischers angemessener zu bewerten.

Fischer widerlegt mit seinem Atlas die im 19. Jahrhundert allgemein verbreitete Annahme, daß die Mundartgrenzen die Grenzen der alten Stämme widerspiegeln würden sowie auch die junggrammatische These von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze und ferner die These, daß sich die verschiedenen Dialekte in kla­ren Grenzen voneinander trennen ließen. Er schreibt hierzu: „Wenn man die Grenzlinien meiner 25 ersten Karten auf eine einzige Karte zusammenträgt, so zeigt sich ein Bild äußerster Regellosigkeit“ (Fischer 1895 a, S. 80). Fischer geht sogar so weit zu leugnen, daß man von „einer Einheit des Schwäbischen Sprachgebietes“ sprechen kann (1895 a, S. 81).

Ganz so regellos, wie Fischer es meint, sind die sprachlichen Grenzverläufe wohl nicht. Heute geht man davon aus, daß sich sehr wohl „Kerngebiete“ mit ge­meinsamen sprachlichen Eigenheiten finden lassen und daß sich an ihren Rändern breite Übergangs- und Grenzgebiete befinden (vgl. z. B. die Karte 12 von Fischers Atlas, die auf Abb. 12 auf S. 34 wiedergegeben ist). Fischers Karten aber hatten auch in der Folgezeit Bestand. Seine Grenzlinien konnten von den nachfolgenden Dialektologen zwar phonetisch präzisiert oder im kleinräumigen Verlauf korrigiert, aber nie als grob unzuverlässig erwiesen werden. Er ist uns inzwischen eine wichtige Quelle für die Beschreibung von dialektgeographischen Entwicklungen der letzten hundert Jahre geworden.