von Veith, Werner H. / Hummel, Lutz

Der „Kleine Niederländische Sprachatlas“ (KNSA) wurde als Projekt von Werner H. Veith (1940–2009) konzipiert und von ihm zusammen mit Lutz Hummel bearbeitet. In weiten Teilen ist der KNSA zwischen 1996 und 2006 im 'Deutschen Institut' der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entstanden. Das Material wird im Rahmen von REDE posthum auf der Grundlage der von Lutz Hummel zur Verfügung gestellten digitalen Daten in einer Zusammenarbeit von Lutz Hummel und dem Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas erstmals publiziert (zum Poster). Plan und Anlage des KNSA werden in Veith (2000) beschrieben, einige Angaben bietet außerdem Veith (2001). Eine Einführung zum KNSA liegt als Manuskript von Werner H. Veith und Lutz Hummel vor, musste jedoch aufgrund des Todes von Werner H. Veith in Teilen Fragment bleiben. Diese Einführung kann als digitales Dokument hier abgerufen werden. Sie enthält Informationen zur Datengrundlage und Datenverarbeitung, zur Kartierungstechnik, zur Stellung des KNSA mit Bezug auf andere Atlas-Projekte sowie ein ausführliches Verzeichnis der geplanten, aber nicht völlig in der originalen Konzeption ausgeführten Karteninhalte.

 

Inhalt

1. Zitation

2. Werkbeschreibung

2.1 Hintergründe

2.2 Erhebungsgebiet

2.3 Erhebunszeitraum

2.4 Erhebungsmethode

2.5 Kartierung

2.6 Umfang

2.7 Weitere Informationen

3. Integration der Karten in REDE

4. Zitierte Literatur

 

1. Zitation

Werner H. Veith , Lutz Hummel (2020): Kleiner Niederländischer Sprachatlas (KNSA) unter Einschluss des Westfriesischen. I. Einleitung und Kommentar von Werner H. Veith und Lutz Hummel, II. Sprachkarten. In REDE bearbeitet von Dennis Bock, Jeffrey Pheiff, Anna Wolańska und Jürg Fleischer. 2. Ausgabe. Marburg: Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas. In: Schmidt, Jürgen Erich / Herrgen, Joachim / Kehrein, Roland / Lameli, Alfred (Hrsg.): Regionalsprache.de (REDE III). Forschungsplattform zu den modernen Regionalsprachen des Deutschen. Bearbeitet von Robert Engsterhold, Hanna Fischer, Heiko Girnth, Simon Kasper, Juliane Limper, Georg Oberdorfer, Tillmann Pistor, Anna Wolańska. Unter Mitarbeit von Dennis Beitel, Milena Gropp, Maria Luisa Krapp, Vanessa Lang, Salome Lipfert, Jeffrey Pheiff, Bernd Vielsmeier. Studentische Hilfskräfte. Marburg: Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas. 2020ff.

 

2. Werkbeschreibung

2.1 Hintergründe

Der KNSA baut, was die Anlage und die Methode betrifft, in vielerlei Hinsicht auf dem in vier Kartenbänden von 1984 bis 1999 erschienenen „Kleinen Deutschen Sprachatlas“ (KDSA) auf, an dem beide KNSA-Autoren ebenfalls beteiligt waren. Er verwendet ein nach den gleichen Kriterien erstelltes Ortsnetz (vgl. Abschnitt 2.2) und eine vergleichbare Datengrundlage (vgl. Abschnitt 2.4) wie der KDSA, bezieht sich jedoch auf das nordwestlich an die deutschen Dialekte anschließende Gebiet des Niederländischen und Westfriesischen. Dadurch, dass die Datengrundlage des Deutschen Sprachatlas (DSA) und des KDSA, die 40 Sätze Georg Wenkers, auch im niederländischen Sprachgebiet erhoben wurden, wird die areale Fortsetzung des KDSA durch den KNSA ermöglicht. Mit dieser Datengrundlage existiert zum deutschen und zum niederländischen Sprachgebiet (jeweils mit Einschluss der friesischen Dialekte auf der deutschen und niederländischen Seite der Grenze) ein vergleichbares und unter ähnlichen methodischen Bedingungen erhobenes Daten-Set.

2.2 Erhebungsgebiet

Der KNSA umfasst die Niederlande (einschließlich der westfriesisch-sprachigen Teile) sowie die niederländischsprachigen Teile Belgiens und Frankreichs. Anhand eines Quadrantennetzes, das das KDSA-Quadrantennetz nach Nordwesten ausweitet, wurde für insgesamt 450 Quadranten jeweils ein Bogen (vgl. Abschnitt 2.4) als repräsentativ für den entsprechenden Quadranten ausgewählt und im KNSA verarbeitet. Eine Auflistung der im KNSA verwendeten Ortspunkte sowie eine Liste vergleichbarer Ortspunkte in anderen Atlanten lassen sich hier als xlsx- oder csv-Datei abrufen.

2.3 Erhebungszeitraum

Während des Ersten Weltkriegs sammelte Theodor Frings (1886–1968), unterstützt von mehreren belgischen Assistenten in deutscher Kriegsgefangenschaft, unter anderem Jozef Vandenheuvel, niederländische Übersetzungen der Wenkersätze von belgischen und französischen Kriegsgefangenen in direkter Erhebung. Davon wurden insgesamt 56 Versionen in Frings/Vandenheuvel (1921) publiziert. Ab den 1920er Jahren begann Ludovic Grootaers (1885–1956) in Leuven anhand einer von ihm verfassten, auf die südlichen Dialekte ausgerichteten niederländischen Vorlage die Wenkersätze vor allem in den niederländischsprachigen Teilen Belgiens schriftlich zu erheben (vgl. Grootaers 1923). Ein großer Teil dieser Materialien scheint aus den 1920er Jahren zu stammen, doch wurde die Sammlung teilweise wohl auch danach noch fortgesetzt (die in Veith 2001: 67 zu findende Datierung auf die 1930er Jahre und die Einschränkung 1934–1937, die sich in der Einführung (s. 2, Abschnitt 1.2) findet, dürfte für den Großteil der Leuvener Materialien nicht korrekt sein). In den Niederlanden wurde die schriftliche Erhebung der Wenkersätze unter der Leitung von Pieter Jacobus Meertens (1899–1985) ab 1934/35 durchgeführt (Meertens 1936: 125 nennt das Jahr 1935, auf den meisten Fragebogenformularen ist allerdings als Datum 1934 aufgedruckt). Einzelne späte Formulare wurden nach Ausweis der aufgestempelten Daten noch bis in die frühen 1950er Jahre gesammelt.

2.4 Erhebungsmethode

Während Frings / Vandenheuvel ihre Übersetzungen der Wenkersätze bei Gewährs­personen in Kriegsgefangenschaft direkt erhoben und die daraus resultierenden Transkriptionen von phonetisch geschulten Exploratoren stammen, sammelten Grootaers und Meertens schriftliche Fassungen der Wenkersätze, wobei sie auf die jeweiligen Korrespondenten-Netze der dialektologischen Institutionen in Leuven bzw. Amsterdam zurückgriffen. Die Leuvener und die Amsterdamer Erhebung verfuhren dabei nach dem gleichen Verfahren, wie es auch mit anderen Fragebogen an diesen Instituten erprobt worden war. Die für den KNSA als repräsentativ ausgewählten Versionen der Wenkersätze stammen teilweise aus den von Frings/Vandenheuvel (1921) publizierten direkt erhobenen 56 Versionen, teilweise aus den schriftlich erhobenen Sammlungen von Grootaers (hier waren nach Grootaers 1935: 62 Mitte der 1930er Jahre 381 Orte vertreten) und von Meertens (diese Sammlung umfasst nach Daan/Meertens 1963: XXVIII insgesamt 2.305 Formulare). Allerdings verweist Veith (2001: 67) nur auf die Sammlungen von Grootaers und Meertens, doch finden sich im KNSA auch Belegorte, die nur aus der Sammlung von Frings/Vandenheuvel (1921) stammen können. Die in der Einführung (Abschnitt 1.2, S. 2–4) gegebene standardniederländische Fassung entspricht am ehesten derjenigen, die in den Niederlanden verwendet wurde. Grootaers’ Fassung ist darin, wo sie sich von der Meertens-Fassung unterscheidet, meist nicht berücksichtigt. Gezeigt sei dies nur an einem Fall: Während Meertens in WS 2 das Adverb dadelijk verwendet, enthält die Fassung von Grootaers seffens (vgl. Grootaers 1923: 90). Veith (Einführung: 2) verzeichnet hier nur die Variante von Meertens. Die von Veith (Einführung: 2–4) ebenfalls angeführte westfriesische Version wurde nie an die Informanten abgegeben, sondern anscheinend von Werner H. Veith unter Heranziehung eines der ausgefüllten Formulare zu Illustrationszwecken erstellt. Aufgrund der unterschiedlichen Quellen des Materials sind die im KNSA kartierten Daten methodisch unterschiedlich erhoben worden. Ein Überblick über das verwendete Lautsystem findet sich in Veith / Hummel (2017: 24–43).

2.5 Kartierung

Im KNSA erfolgt – wie bereits im KDSA – die Kartierung im Rahmen von Punkt-Symbol-Karten. Die Kartensymbole werden in der Legende detailliert aufgeschlüsselt und den Belegen auf der Karte zugeordnet. Neben den Belegformen mit ihren Untergruppierungen und den aus ihnen gebildeten Belegtypen enthalten die Kartenlegenden Angaben zu den jeweiligen Beleghäufigkeiten und ihren Verteilungen im Einzelnen. Jeder Legendeneintrag ist per Mausklick unmittelbar in seiner Verteilung auf der Karte zu lokalisieren. Über die generalisierenden Darstellungsmöglichkeiten einer Punkt-Symbol-Karte hinaus können aber auch die Originalformen selbst als Punkt-Text-Karte angezeigt werden.

 

Beispiel aus Veith ()/Hummel (2020): Kt. K40

 

2.6 Umfang

Der KNSA umfasst auf REDE-Basis 374 Karten, gegliedert in vier thematische Blöcke: 161 Vokalismuskarten, 136 Konsonantismuskarten, 27 Morphkarten und 50 Heteronymkarten. Dazu kommt eine Grundkarte. Ein detaillierter Überblick über alle Kartenthemen ist aus dem Einführungskapitel „Kartenfolge“ zum Beginn (s. Seite II) sowie dem „Kartenregister“ am Ende (s. Seite 94) des Einführungstextes zu ersehen.
Das REDE-SprachGIS in der technisch und formal vielfach neu gestalteten Version 3 erlaubt es zudem, mit seinen inhaltlich wesentlich erweiterten Auswahl- und Zugriffsmöglichkeiten in der vorliegenden 2. Ausgabe des KNSA (2020) über die vier genannten Kartenblöcke thematisch 'gefiltert' auf die Daten der einzelnen Kartentypen (z.B. Vokalismuskarten) gezielt zuzugreifen (vgl. Kap II. SPRACHKARTEN (s. Seite 104)).

2.7 Weitere Informationen

Die Möglichkeiten der Online-Publikation auf der Basis von REDE erlauben es erstmals, die für die Konzeption des KNSA wichtigen Bezüge der KNSA-Karten untereinander und vor allem zu den KDSA-Karten zu realisieren. Die Einführung zum KNSA in der jetzt auf der REDE-Plattform vorliegenden Hypertext-Ausarbeitung des Manuskripts kann als Leitfaden bei der Benutzung des KNSA dienen.

 

3. Integration der Karten in REDE

Die vorliegenden Datensätze der KNSA-Karten sind zunächst aus der ursprünglichen Datenbank in eine Textdatei exportiert worden. Auf deren Basis wurden die Daten konvertiert und in die REDE-Datenbank überführt. In weiteren Arbeitsschritten wurden ein Ortsnetz sowie ein Zeichensymbolsatz manuell erstellt und die linguistisAnkerchen Informationen mit den geographischen Informationen der Karten automatisch verknüpft. Das Ergebnis dieser Arbeitsschritte sind aus der Datenbank generierte Karten und kartenspezifische Legenden. Anschließend wurden die Karten und Kartenlegenden hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit der von den Atlasautoren vorbereiteten Druckvorlage überprüft und ggf. vervollständigt oder korrigiert. Um dem Nutzer eine möglichst komfortable Suchfunktion zu ermöglichen und zentrale atlasspezifische Informationen zur Verfügung zu stellen, wurden für jede Karte alle relevanten Metadaten sowie die entsprechenden KDSA-Referenzen erfasst.

Für die Präsentation in REDE wurde von Dennis Bock und Jeffrey Pheiff eine vektorisierte und interaktive Grundkarte für die geographischen Gegebenheiten in REDE neu erstellt und  implementiert. Neben ihrer eigentlichen Orientierungsfunktion erlaubt sie es zudem, bestimmte orts- oder belegbezogene Elemente ein- und auszublenden. Die 374 aufbereiteten KNSA-Karten lassen sich so in neuer Weise präsentieren und bearbeiten. Es wurden auch einige erweiterte Legenden-Funktionen entwickelt, die es z. B. erlauben, Belegtypen mit ihren Frequenzen anzuzeigen. Die Legenden in REDE bieten zudem neue, in der ursprünglichen Publikationsform nicht realisierbare Möglichkeiten zum Einblenden von wesentlichen Zusatzinformationen: Die einer Hauptbelegform zugehörigen Belegformvarianten mit ihren Häufigkeiten können in REDE über ein ausklappbares Zusatzfenster in den Legenden als Gesamtblock angezeigt werden. Darüber hinaus bieten die erweiterten 'Metadaten' diverse auf die Einzelkarten bezogene ergänzende Informationen, darunter den Wortlaut der Wenkersätze in der Fassung von Meertens, Grootaers und Wenker (s. 2.4), sowie Online-Verweise (s. Beispielkarte).

Die digitalen Datensätze wurden von Lutz Hummel bereitgestellt, deren Überarbeitung und die Einbindung in das REDE-System erfolgte ab 2015 in enger Teamarbeit mit Dennis Bock, Jeffrey Pheiff und Anna Wolańska. Diese Aufbereitung bezog die Dateien der originalen Plotter-Karten mit ein, die neben ihrer Kontrollfunktion bei der Kartenintegration auch den Projektstand in 2009 dokumentieren und weiterhin in den REDE-Metadaten unter 'online Rersource(n)' als verlinkte PDF-Dateien verfügbar sind.

 

4. Zitierte Literatur

Daan, Jo /  Meertens, P. J. (1963): Toelichting bij de taalatlas van Noord- en Zuid-Nederland. Amsterdam: Maatschappij.

DSA: Deutscher Sprachatlas. Auf Grund des Sprachatlas des Deutschen Reichs von Georg Wenker begonnen von Ferdinand Wrede, fortgesetzt von Walther Mitzka und Bernhard Martin. Marburg 1927–1956: Elwert.

Frings, Theodor / Vandenheuvel, Jozef (1921): Die südniederländischen Mundarten: Texte, Untersuchungen, Karten. Teil I: Texte. Marburg: Elwert (= Deutsche Dialektgeographie. 16).

Grootaers, Ludovic (1923): Zuidnederlandsch Dialectonderzoek: de zinnen van Wenker. In: Leuvensche Bijdragen, 15 [Bijblad], 88–95.

Grootaers, Ludovic (1935): Zuidnederlandsch Dialectonderzoek: het dialectonderzoek te Leuven sedert den oorlog. In: Leuvensche Bijdragen, 27, 61–69.

KDSA: Kleiner Deutscher Sprachatlas. Dialektologisch bearbeitet von Werner H. Veith, computativ bearbeitet von Wolfgang Putschke und Lutz Hummel. Tübingen 1984–1999: Niemeyer.

Meertens, P[ieter] J[acobus] (1936): Niederländische Mundartforschung. In: Zeitschrift für Mundartforschung, 12(2), 125–127.

Veith, Werner H. (2000): Kleiner Niederländischer Sprachatlas (KNSA). In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 67(3), 260–286.

Veith, Werner H. (2001): Niederländisch. Aus der Sicht des Projekts „Kleiner Niederländischer Sprachatlas“. In: Bentzinger, Rudolf / Nübling, Damaris / Steffens, Rudolf (Hrsg.): Sprachgeschichte, Dialektologie, Onomastik, Volkskunde: Beiträge zum Kolloquium am 3.–4. Dezember 1999 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Wolfgang Kleiber zum 70. Geburtstag. Stuttgart: Steiner (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte 115), 67–90.