Akademie der Wissenschaften und der Literatur - Mainz

Dialekt à la carte. Dialektatlas Westmünsterland – Achterhoek – Liemers – Niederrhein (DWALN)

von Georg Cornelissen

1. Wissenschaftlicher Kontext und Entstehungsgeschichte

Bei dem grenzübergreifenden Dialektatlas Westmünsterland – Achterhoek – Liemers – Niederrhein (DWALN) handelt es sich um ein Kooperationsprojekt zwischen dem Staring Instituut (StI) im niederländischen Doetinchem, dem Landeskundlichen Institut Westmünsterland (LIW) in Vreden und dem Amt für rheinische Landeskunde (ARL) in Bonn (inzwischen: LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte). Herausgeber waren Alexander (Lex) Schaars (StI), Timothy Sodmann (LIW) und Georg Cornelissen (ARL). Der Atlas gliedert sich in sechs thematisch ausgerichtete Kapitel, von denen die Herausgeber je eins zur Bearbeitung übernahmen. Autoren der übrigen drei Kapitel sind Jan B. Berns, Christa Hinrichs und Ludger Kremer.

 2. Forschungsziel

Das Projekt vertritt einen grenzdialektologischen Ansatz, wie er zuvor in der Dissertation Ludger Kremers entwickelt und erprobt wurde. Dies beinhaltet, dass nicht nur Elemente der alten Verwandtschaft zwischen den Dialekten beiderseits der Staatsgrenze dokumentiert werden sollten, sondern dass auch Ausmaß und Formen ihres heutigen Auseinanderwachsens zu untersuchen waren. Dabei war davon auszugehen, dass sich die Ortsdialekte sowohl der jeweils überdachenden Standardsprache (also dem Niederländischen und dem Deutschen) als auch den benachbarten Dialekten ihrer Umgebung – wohlgemerkt jeweils innerhalb des eigenen Staatsgebietes – angleichen (vertikale – horizontale Konvergenz). Der untersuchte Raum setzt sich aus den Arbeitsgebieten des LIW (= Kreis Borken im Nordosten des deutschen Teils) und des StI (= Achterhoek und Liemers in der niederländischen Provinz Gelderland), aus dem unteren Niederrhein, der zum Sprengel des ARL gehört, sowie aus vier weiteren niederländischen Orten zusammen. Die Dialektforschung rechnet die niederländischen und deutschen Dialekte im Südwesten dieses Raumes – grosso modo im Liemers, der bis zur Oude IJssel reicht, in drei niederländischen Orten und am deutschen Niederrhein – zum Niederfränkischen oder Kleverländischen. Die ebenfalls grenzüberschreitend verwandten Dialekte im Nordosten werden als Niederdeutsch, Nedersaksisch oder Sassisch bezeichnet. Die Issel-/Oude IJssel-Zone bildet ein Übergangsgebiet zwischen diesen beiden Dialekträumen. Überlagert wird diese alte Zweiteilung in kleverländische und Achterhoek-westmünsterländische Dialekte jedoch von der heutigen Staats- und Standardsprachgrenze, die beide Dialektgebiete durchschneidet. Diese doppelte Gliederung des Untersuchungsgebietes macht seinen besonderen Reiz für grenzdialektologische Untersuchungen und sprachkartographische Projekte aus. In der grenzüberschreitenden Dialektgeographie und auch in der areallinguistisch ausgerichteten Grenzdialektologie hatte bis dahin die Untersuchung des Wortschatzes im Vordergrund gestanden. Dem schloss sich der DWALN an, wenn er in vier der sechs Kapitel ebenfalls lexikalische Fragen, vor allem Bezeichnungsfragen, behandelte. Dabei wurden für das Kapitel ‚Allgemeiner Wortschatz’ (Kapitel 1) vor allem solche Begriffe aus verschiedenen Lebensbereichen zusammengestellt, für die die Forschung bereits Vergleichsmaterial bereithielt. Für die Konzeption der Kapitel 2 (‚Bezeichnungen von Transport- und Verkehrsmitteln’), 3 (‚Aus dem Wortschatz des Fußballsports’) und 5 (‚Bezeichnungen für Brotsorten und -formen’) waren sachliche Zusammenhänge ausschlaggebend. Der Alltagskultur des Untersuchungsgebietes, die nach den Anfangsideen breiter hätte behandelt werden sollen, war schließlich das Kapitel 6 (‚Kinderheischegänge und Kinderumzüge’) gewidmet; der Verbindung von sprachlichen und inhaltlichen (alltagskulturellen) Aspekten ging ebenfalls das Kapitel 5 nach. Das 4., wiederum rein dialektologische Kapitel (‚Verbformen’) griff Teilbereiche der Flexionsmorphologie auf. Die Ergebnisse dieses Projektes sollten in der Form eines Dialektatlas publiziert werden. Dafür waren Sprachkarten zu zeichnen, die auch für den dialektgeographischen Laien klar und durchsichtig sein mussten. Umfangreiche Kartenkommentare und Erläuterungen zu den kartierten Sprachelementen sollten den Textteil des Werkes bilden.

 3. Methode und Durchführung

60 Erhebungsorte wurden festgelegt, die sich wie folgt verteilen: 20 Orte liegen auf niederländischem Staatsgebiet, 21 gehören dem Kreis Borken und 19 den niederrheinischen Kreisen Kleve und Wesel an. Das Sprachmaterial wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, indirekt erhoben. Nachdem der Fragebogen entwickelt und erprobt worden war, wurde er von den beteiligten Instituten verschickt. Die beiden Versionen (niederländisch, deutsch) entsprachen einander in Aufbau und Fragestellung. Die Gewährspersonen hatten zumeist die dialektale(n) Bezeichnung(en) für die Begriffe einzutragen, die durch ihre standardsprachliche Bezeichnung, durch eine Umschreibung in der Standardsprache oder durch eine Zeichnung vorgegeben waren. Vor allem offene Fragen, die auf die Bereitschaft zu ausführlicher Beantwortung bauten, enthielt das Kapitel zu den Kinderheischegängen und –umzügen. Sätze, die in den Dialekt zu übertragen waren, präsentierte schließlich der morphologische Teil.

Das StI und das ARL verschickten ihre Fragebogen vor allem an ihnen bekannte und bereits bewährte Gewährspersonen. Das damals noch junge LIW, dem ein solcher Informantenstamm noch fehlte, bezog die örtlichen Heimatvereine mit ein, denen jeweils mehrere Fragebogen zur Weiterleitung zugesandt wurden. Für jeden Ort wurden schließlich ein oder zwei bearbeitete Fragebogen in die Auswertung einbezogen. Die Gewährspersonen, so war festgelegt worden, sollten autochthone Sprecher/innen ihres Dialektes und über 60 Jahre alt sein. In etwa drei Viertel der Fälle entsprachen die Fragebogenbearbeiter/innen dieser Vorgabe; ihr Alter lag dann zumeist zwischen 60 und 70 Jahren. Von den übrigen Informanten waren die meisten über 50 Jahre alt; Männer waren deutlich stärker vertreten als Frauen. Publiziert wurde der DWALN in zwei Bänden, in einem Textband und einem Schuber, der die 57 Themenkarten sowie die auf eine Klarsichtfolie gedruckte Übersichtskarte enthielt, die sich so zum Auflegen eignet. Auf den Themenkarten fehlen die Namen der Erhebungsorte. Dahinter steht die Überlegung, dass diese Karten zwar die räumliche Verteilung der Symbole, Arealbildungen, Reliktgebiete oder Einzelmeldungen hervortreten lassen sollen, dass es jedoch nicht vorrangig um eine simple Gleichsetzung von Ortspunkt und Sprachbeleg gehen sollte. Es wurde ein vorab festgelegter Satz von in roter Farbe gedruckten Symbolen verwendet (Rauten, Kreise, Rechtecke, Dreiecke, Quadrate), der in fast allen Themenkarten in gleichsinniger Weise wiederkehrte. Kreuze, Sterne und gedrehte Varianten der fünf übrigen Symbole werden eingesetzt, wenn Belege nicht einer der zuvor genannten Kategorien zugeordnet werden sollen. Die Symbole konnten zudem in unterschiedlicher Form gefüllt sein; verschiedene Symbole derselben Form stehen dann jeweils für lautliche Varianten, für verwandte Formen oder für Heteronyme (derselben Sprache oder desselben Dialektraumes). Bei der Schreibung der Belege hielten sich die Herausgeber an die Regeln der beiden Schriftsprachen, die auf die zu dokumentierenden Lexeme analog angewendet wurden: Der zusätzliche Gebrauch besonderer Lautschriften hätte zu verwirrenden Beleglisten geführt. So also werden Belege, die einem standardsprachlichen (deutschen, niederländischen) Äquivalent zugeordnet oder die als Entlehnungen aus der Standardsprache klassifiziert werden, in der standardsprachlichen Schreibung präsentiert (Beispiele: Schmetterling, Zug, buitenspel, koelkast). Die übrigen Belege werden jeweils nach den Regeln derjenigen Sprache verschriftet, die der jeweilige Autor/die Autorin für seinen/ihren Beitrag verwendet (Beispiele: Panneflögel, Kippkar in einem deutschen, boks, hoeksjot in einem niederländischen Beitrag). Sie fügen sich so in die Textumgebung ein. Die Sprachwahl erfolgte nach dem Eigensprachenprinzip: Jede(r) der Beteiligten benutzte seine/ihre Sprache. Daher sind vier Kapitel auf Deutsch (1, 2, 4, 5), die beiden übrigen auf Niederländisch (3, 6) verfasst. Allerdings schließen die Kapitel mit einer Zusammenfassung in der jeweils anderen Sprache. Die übrigen Teile des Textbandes – die Bibliographie und die biographischen Angaben ausgenommen – sowie die Kartenlegenden wurden zweisprachig dargeboten.

 4. Wissenschaftliches Resultat

Auf die sechs Kapitel folgte eine knappe Zusammenfassung, in der unter der Überschrift ‚Alte und neue Kartenbilder’ der Versuch unternommen wurde, die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zueinander in Beziehung zu setzen; dabei stehen die auf den Sprachkarten zum Vorschein kommenden Grundmuster im Mittelpunkt. Diese Zusammenfassung war nicht zuletzt als Handreichung für im Lesen von Sprachkarten noch Ungeübte gedacht. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit war um 1990, also in einer Zeit „sich öffnender Grenzen“, immer noch nicht alltäglich. Und es war damals auch noch nicht selbstverständlich, dass Mitarbeiter deutscher und niederländischer Institute über Jahre hin an einem grenzüberschreitenden Projekt gedeihlich zusammenarbeiten und dass sie schließlich ihre Untersuchung, die auf der Befragung von Dialektsprechern auf beiden Seiten der Grenze basiert und die auch für die Menschen dieser Region bestimmt ist, in beiden Sprachen veröffentlichen. Über den Adressatenkreis einer solchen Publikation waren sich die beteiligten Institute von Anfang an einig. Natürlich sollte die angestrebte Erhebung der dialektologischen Fachwelt von Nutzen sein; allerdings stand immer auch fest, dass die Darstellung der Untersuchungsergebnisse für jene Dialektkenner, Dialektinteressierte und Regionalforscher lesbar sein musste, für die die drei genannten Institute arbeiten und die deren Gewährspersonen und ‚freie Mitarbeiter’ sind. Die Publikation sollte es den Menschen im Grenzraum nicht zuletzt auch ermöglichen, sich über die Dialekte des unmittelbaren Nachbarlandes zu informieren; dies scheitert sonst in der Regel daran, dass Werke nur auf jeweils einer Seite der Staatsgrenze zu bekommen sind und dass fehlende Sprachkenntnisse die Lektüre solcher Veröffentlichungen zusätzlich erschweren. Wie gut sich Sprachwandel mit Hilfe von Dialektkarten ‚einfangen’ lässt – dies unterstrichen zu haben dürfte eins der wichtigen Ergebnisse dieses Dialektatlas sein. Dass dabei in Grenzregionen die Einbeziehung der „anderen“ Seite den Blick für das Beharrungsvermögen oder, im Gegenteil, für die Veränderungen dialektaler Phänomene in besonderer Weise zu schärfen vermag, hat der DWALN ganz sicher gezeigt.

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